Galerie Kurzweil lässt die goldene Club-Ära in Darmstadt wieder aufleben - Electronic Beats Österreich

Galerie Kurzweil lässt die goldene Club-Ära in Darmstadt wieder aufleben

Der neue Nachclub/ die Kunstgalerie, die hochwertige House- und Techno-Musik in eine kleine Stadt vor den Toren Frankfurts mit einer reichen Clubmusik-Geschichte zurückbringt.

Von Mitte der 90er Jahre bis etwa 2000 hatte Darmstadt für eine so kleine Stadt eine wirklich lebhafte Elektronik-Szene. Leute wie Roman Flügel, Ricardo Villalobos, Losoul und Gerd Janson begannen alle hier ihre Karriere – Ricardo veranstaltete hier in seiner Anfangszeit seine legendären Partys. Die aufregendste war, als Chez Damier 1995 in einem leerstehenden Haus im Wald nahe Darmstadt spielte. Viele Leute halten diese Party immer noch für die beste, die sie jemals besucht haben. Hier gab es auch einen Club, den man in ganz Deutschland kannte: Café Kesselhaus, wo Ricardo immer montags spielte. Danach fand die von Studenten organisierte Veranstaltung mit dem Namen 603qmstatt. Aber in den frühen Nullerjahren wurde es ruhig um Darmstadts Clubkultur, und die Leute schienen etwas zu vermissen. Es tauchten ein paar nette illegale Clubs auf, aber es gab nichts Offizielles, um regelmässig elektronische Musik zu hören, ausser ab und zu 603qm. Die Gründer der Galerie Kurzweil, Alper Sepik und Juan Gravalos, wollten die Lücke füllen und eröffneten als Fortsetzung der Darmstädter Tradition einen von den damaligen Zeiten inspirierten Club.

Ungefähr zwei Jahre lang führten sie einen nicht offiziellen Club. Nach dessen Schliessung wurde es erstmal ruhig um sie und sie arbeiteten an etwas anderem. Dann fanden sie eine gute Location in einem historischen Gebäude – einem alten Bahnhof, der immer noch der Deutschen Bahn gehörte – und wussten sofort, dass das der Ort ist, wo sie einen neuen Club aufbauen wollten. Es dauerte jedoch über ein Jahr, weil sie alle Umbauten und Änderungen selbst durchführten. Die Akustik im Dancefloor war so schlecht, dass sie zuerst an allen über fünf Meter hohen Wänden Schalldämpfer anbringen mussten. Zuletzt installierten sie ein massives massgefertigtes Soundsystem von Klangmanufaktur-Frankfurt. Ich habe sie kurz vor der Eröffnung des Kurzweil getroffen, als sie mich fragten, ob ich bei einer der Partys, die sie in und um Darmstadt an beliebigen Locations organisierten, spielen wolle. Später baten sie mich, sie bei den Buchungen für den neuen Club zu unterstützen.

Ein Schwerpunkt der Buchungsphilosophie für das Kurzweil ist, dass wir eine Musikplattform für junge Menschen aus Darmstadt aufbauen möchten, um ihnen einen Raum zu geben, wo sie sich selbst ausdrücken können. Natürlich buchen wir auch Künstler, die wir mögen. Aber hauptsächlich wollen wir die Leute von hier motivieren. Wir suchen nach jungen Leuten, die eine Vision haben, die man sofort fühlen und erkennen kann. Ich kann gar nicht glauben, wie viele Leute in Darmstadt coole Sachen machen und wie gut sie dabei sind. Vielleicht, weil wir hier eine Universität für Design haben und auch viele Studenten bei dem mitmachen, was wir in der Galerie Kurzweil tun – sowohl im Bereich Musik als auch im Bereich Kunst, denn wir veranstalten auch Installationen und Ausstellungen in unseren Räumen. Wir haben schon sechs oder sieben Ausstellungen gehabt sowie eine Fotoausstellung. Da wir die Kunst immer mal wieder im gleichen Raum ausstellen, können die Leute während einer Clubnacht mit den Installationen in Interaktion treten, insbesondere bei den Sound-Installationen. Das Internationale Musikinstitut, das sich auch in Darmstadt befindet, hielt seine zweijährlichen Workshops für neue Musik 2016 in der Galerie Kurzweil ab, wo unter vielen anderen auch Efdemin einer der Dozenten war.

Es gibt ein paar andere nette Orte in der Innenstadt von Darmstadt, wo gelegentlich Events mit Musik stattfinden, aber es geht dann nicht so intensiv um elektronische Musik, wie dies bei uns der Fall ist. Es gibt auch einige illegale Treffpunkte und auch 603qm wird wohl wieder stattfinden. Da das Kurzweil erst vor zweieinhalb Jahren offiziell eröffnet wurde, sind wir ziemlich glücklich, welche Wirkung wir bereits auf die lokale Szene haben. Wir haben ein bestimmtes sehr reges Publikum, das regelmässig zu Hunderten zu uns kommt. Ich denke, dass etwa 5 bis 10 Prozent der Leute, die in die Galerie Kurzweil kommen, sich an die guten alten Zeiten des Darmstadt Clubbing erinnern, insgesamt ist es also ein eher junges Publikum. Ich bin immer erstaunt darüber, wie jung sie sind. Aber natürlich ist das eine gute Sache. Viele von ihnen kennen die alten Zeiten vom Hörensagen und möchten jetzt das gleiche erleben.