Lang lebe The Record Loft: Wie eine Berliner Vinyl-Institution die Gentrifizierung überlebte - Electronic Beats Östereich

Lang lebe The Record Loft: Wie eine Berliner Vinyl-Institution die Gentrifizierung überlebte

Der beliebte Berliner Secondhand-Schallplattenladen musste zwar aus seinen Räumlichkeiten in Kreuzburg ausziehen, ist jetzt aber wieder unter neuer Adresse zurück und freut sich auf seine Kunden.

Irgendwann zwischen der Vinyl-Renaissance von 2013 und dem Zuzug von über 100.000 Neubewohnern nach Berlin mietete Christian Pannenborg einen Raum in Kreuzberg und eröffnete einen Secondhand-Schallplattenladen. Er nannte ihn The Record Loft. Der Laden am Kottbusser Tor, einer Gegend, die wie das gesamte Berlin in den vergangenen Jahren mit starken Mieterhöhungen zu kämpfen hat, prosperierte.

Jedoch war der Laden gezwungen, im Dezember 2016 seine kurz bevorstehende Schliessung anzukündigen. Pannenborg gab an, dass das Mietverhältnis aus „dubiosen Gründen“ beendet wurde. Es sah aus, als ob wieder einmal ein Kulturidealist aufgeben musste, weil man nach einem weniger lauten und möglicherweise besser zahlenden neuen Mieter suchen wollte.

Die Lage des Record Loft hatte jedoch auch ihren Reiz verloren: Pannenborg war in Kreuzberg, dem berüchtigten Hipster-Viertel, nicht mehr glücklich. „Überall gab es diese Jugendgangs und dieses widerliche Verhalten gegenüber Mädchen und Frauen“, erzählt er uns in einem Interview. „Das war das genaue Gegenteil von dem, was unser Laden repräsentieren wollte.“

Der Laden, den Pannenborg jetzt eröffnen will, liegt nur ein paar Meter von der Griessmühle entfernt, dem bekannten Nachtclub in einer ehemaligen am Kanal gelegenen Getreidemühle. Durch den Umzug in den Südosten von Neukölln hofft er, die Art und Weise zu verändern, wie Leute seinen kleinen Kulturraum betreten. Er möchte, dass Leute in der Musikauswahl seines Ladens stöbern und nicht nur schnell hereinkommen und etwas kaufen. Die Abgeschiedenheit kann zudem helfen, Beschwerden wegen Lärm zu verhindern, die dazu geführt hatten, dass die Tradition kleiner Laden-Performances aufgegeben werden musste.

„Jeden Monat hatten wir Gäste, Musiker aus Detroit oder aus Chicago, wie Boo Williams„, erzählt Elena Puente, eine Mitarbeiterin im Record Loft, die unter dem Namen Alienata selbst Musik macht. „Man konnte die Meister in Aktion sehen und da war richtig was los.“ Aber als immer mehr Beschwerden eintrafen, war die Zukunft des Record Loft, das sich in einem Rückgebäude dicht umgeben von Wohngebäuden befand, mehr als unsicher und letztendlich machte der Laden zu.

„Plötzlich erhielt ich einen Brief mit dem Satz ‚Wir beenden ihren Mietvertrag‘, und auch ein Enddatum war angegeben“, erklärt Pannenborg. „Fünf oder sechs Stunden lang war ich total am Boden.“

Die Schliessung erfolgte zwar unfreiwillig, laut Pannenborg war sie jedoch befreiend. Ohne die physische und mentale Belastung der Ladenführung hatte er Zeit, um nachzudenken, wie es mit dem Record Loft nach einer Neueröffnung weitergehen sollte. „Ich versuche, das neue Laden-Unterfangen mehr als transitorisches Ereignis zu sehen“, meint er. Teil dieses Wandels ist die tatsächliche Neueröffnung, die laut ihm irgendwann nächste Woche stattfinden wird.

Und während es so aussieht, als ob sich The Record Loft wieder erholen wird, hat Marc Wohlrabe, ein Gründungsmitglied der Clubcommission Berlin, einer lokalen Organisation zur kulturellen und wirtschaftlichen Förderung der Berliner Clubszene, bereits erlebt, wie viele ähnliche Projekte an den Stadtrand gedrängt oder ganz aufgegeben wurden.

Der Platzmangel, den die Stadt heute erlebt, ist das Ergebnis kommunaler Entscheidungen, die vor zehn Jahren getroffen wurden. „In der Zeit zwischen 2001 und 2011 entschied die Regierung, Raum zu verkaufen, der eigentlich der Stadt Berlin gehörte“, sagt Wohlrabe. „Sie privatisierten und verkauften an Investoren.“ Die Regierung, die mit Schulden in Höhe von 60 Milliarden Euro und einer steigenden Arbeitslosenrate zu kämpfen hat, handelte überhastet und entschied sich für die kurzfristige Lösung. Aber die sozialen und kulturellen Kosten dieser überstürzten Deals blieben und sorgen heute weiterhin für Schwierigkeiten.

Wohlrabe wünscht sich, dass kulturellen Projekten mehr Zeit gegeben wird. „Menschen mit Herz und Ideen und vielleicht einem Netzwerk – aber nicht ganz so viel Geld – benötigen Zeit, um professioneller zu werden“, erklärt er. „Aber mit Zeit meine ich fünf bis 10 Jahre, nicht zwei oder drei.“ The Record Loft existierte nur drei Jahre.

Wie viele der wichtigsten Musikstandorte der Stadt, war das Record Loft ein Zentrum für kulturelle Vielfalt und hat schnell an Bekanntheit gewonnen. Mario Resta ist ein früherer Mitarbeiter des Record Loft. Er war ganz am Anfang mit dabei, als man nur über eine Storefront-Verkaufsfläche am Mehringdamm in Kreuzberg verfügte. Für ihn lag der Wert des Ladens in seinem Nutzen als musikalische Ressource. The Record Loft wurde ein Platz, an dem man nicht nur ein Bier trinken konnte, während man auf einen Freund wartete, sondern ein Platz für ernsthafte musikalische Bildung. „Ein Platz voller Freiheit, wo jeder mit anderen in Kontakt kommen konnte, wo es aber auch Wettbewerb gab“, sagt Resta, der unter dem Namen Exterminador produziert. Obwohl ein wichtiger Teil seiner künstlerischen Entwicklung, war es nicht immer leicht, dort fündig zu werden.

Puente erinnert sich daran, dass Neukunden oft hereinkamen und von der Menge an Schallplatten überwältigt waren. „Wir haben dann immer gesagt: Frag einfach, wenn du Hilfe brauchst“, erzählt sie. „Meistens sind sie in einem Teil des Ladens verschwunden, haben zwei Schallplatten rausgezogen und sind wieder gegangen.“ Pannenborg hat angedeutet, dass die Organisation verbessert würde, wenn auch nur leicht.

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„Ich konnte die Enttäuschung der Kunden spüren, wenn man ihnen sagen musste, dass alle Schallplatten, die Sie rausgesucht haben, Raritäten sind, Sammlerstücke oder sozusagen teure Beutestücke“, fügt er hinzu. Eine einfache Farbkodierung würde den Mitarbeitern ersparen, schlechte Nachrichten mitteilen zu müssen, und würde trotzdem nicht die gemütliche Wohnzimmeratmosphäre verändern, die Pannenborg von Beginn an hergestellt hat. „Wenn man ganz ordentlich wird und alles optimiert, dann passt man in diese Welt da draussen, zu der wir eine Alternative aufbauen wollen.“

Einige Gäste waren zwar von der Auswahl im Laden überwältigt, aber viele der passionierten Berliner Plattenkäufer kamen wieder, weil sie die Vielfalt und Qualität des Angebots von Pannenborg schätzten. Das sind die gleichen Leute, die während der Abwesenheit des Record Loft hofften, dass die breite und ausgefallene Auswahl des Ladens wieder ein neues Zuhause finden würde. Das Raumangebot in Berlin verringert sich stetig und schnell. Immer mehr Geschäfte wie das Record Loft werden aufgrund von umgebungsbedingten Störungen – – wie Schall – verjagt und die sowieso kleine Anzahl erschwinglicher Optionen nimmt weiter ab.

Dieser Mangel an Raum ist zu einem großen Teil auf den Ansturm durch Neuzuzüge zurückzuführen: Mehr als 130.000 Leute sind seit 2015 in die Stadt gezogen. Mit einer Leerstandsrate von nur zwei Prozent in einigen Stadtteilen ist es schwer, Mieträume zu finden, und viele internationale Neuankömmlinge sind bereit, hohe Mieten zu zahlen. Das ist für Kreative eine Katastrophe. Die Deutsche Welle berichtet, dass ca. 18.000 neue Wohnungen benötigt werden, um den jetzigen Bedarf zu befriedigten, es werden jedoch nur 10.000 Wohnungen jährlich gebaut.

Da die Vermieter sich mit den Nachbarn vergleichen und feststellen, dass diese höhere Mieten verlangen, erhöhen sie oft ihre eigenen Mieten, um gleichzuziehen. Laut dem Tagesspiegel stiegen die Mieten zwischen 2015 und 2017 um fast 10 Prozent. Bei Untervermietungen, Privat- oder Kurzzeitvermietungen gibt es kaum Möglichkeiten für die Regierung, die Kosten zu regulieren.

Für Kleinunternehmen bedeutet dies, dass die Grenze zwischen Durchhalten und Aufgeben schmal ist. Daher sind Online-Shops zunehmend eine attraktive Alternative. Aber der Übergang auf eine Online-Plattform verringert kommunales Wachstum und macht die Arbeit von Projekten wie dem Record Loft zunichte. Bei mehr Online-Unternehmen gibt es immer weniger direkte Kommunikation von Angesicht zu Angesicht.

Stattdessen verändert sich die Demographie im Stadtviertel, da immer mehr Schichten mit höherem Einkommen zuziehen und die verdrängen, die sich das Leben nicht mehr leisten können, das sich durch die ursprüngliche kulturelle Entwicklung im Viertel ausgebildet hat. Die Evolution in anderen Metropolen wie London, New York und Paris dient als Beispiel – und für einige als Warnung – für die Zukunft Berlins.

Trotz dieser schwierigen Umstände will Pannenborg weiterhin Hunderte von Kilometern in seinem Transporter zurücklegen, um nach Schallplatten zu suchen und die umfangreiche musikgeschichtliche Sammlung im Record Loft fortsetzen. Als größter Anbieter von Secondhand-Vinyl in Berlin war The Record Loft der Ort, an dem man die Entwicklung der elektronischen Musik spürbar nachempfinden konnte. „Man kann 30 Jahre elektronischer Musik nicht in 5 Minuten im Internet erfahrbar machen“, meint Resta.

Die zunehmende Verbreitung von Online-Streaming-Diensten wie Spotify und SoundCloud können den Wert von authentischer persönlicher Entdeckung unterminieren. Für Pannenborg ist dieser Forschergeist wert, gefeiert zu werden. „Einen Plattenladen betreten und sich mit Musik auseinandersetzen, zuhören, verstehen und sich in der natürlichen Plattenumgebung befinden, ist das kein Gefühlszustand?“, fragt er. „Ist das nicht auch selbst schon ein Hobby?“